Umweltstand - Check in Erfurt

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Flächenverbrauch - Boden in Gefahr


Unser Boden, der in langen geologischen Zeiträumen entstanden ist, wird systematisch zerstört. Durch andauernd neue Flächennutzungen für Industriebetriebe, Gewerbezentren, Wohnbebauungen, Verkehrsbereiche und sonstige Ansiedlungen gehen fruchtbare, lebendige Ackerböden und Grünbereiche für immer verloren. Nachfolgend finden Sie wichtige Informationen.

Nach vorläufigen Statistiken (Quelle: Freistaat, 03/2013) verliert Thüringen jährlich über 900 ha Natur- und Ackerböden für Ansiedlungen und Verkehrszwecke. Der enorme Flächenverbrauch ist unter Beachtung des Bevölkerungsrückgangs völlig inakzeptabel. Die jährliche Flächeninanspruchnahme ist umso absurder, wenn man die Steigerungen bei den brachliegenden Industrie- und Gewerbeflächen beachtet. Insgesamt stehen in Thüringen mittlerweile mehr als 6800 ha (Quelle: Minister Jürgen Reinholz, 03/2013) an Brachflächen zur Verfügung.

Der Flächenverbrauch geht mit Zersiedlung, Versieglung und Zerschneidung der Landschaft einher. Es findet eine regelrechte Entwertung unserer Umwelt statt. Zusammenhängende Grün- und Ackerflächen haben umfassende Raumfunktionen für das gesamte Leben. Derartige Funktionen können nicht durch allgemeine Verpflichtungen zu Ausgleichszahlungen ersetzt werden. Nur ein Stopp des Flächenverbrauchs ist nachhaltig.


Zersiedlung in Erfurt, 06/2013
Zersiedlung in Erfurt, 06/2013
Versieglung in Erfurt, 06/2013
Versieglung in Erfurt, 06/2013
Zerschneidung in Erfurt, 06/2013
Zerschneidung in Erfurt, 06/2013



Der Boden ist keine unendliche Ressource, heute werden in Thüringen schon über 9 Prozent, von der gesamten Landesfläche, für Ansiedlungen und Verkehrszwecke beansprucht (Quelle: Medieninformation, 03/2013). Wenn unser Freistaat so weiter macht, dann haben wir in absehbarer Zeit keine Flächen mehr, die für landwirtschaftliche Zwecke oder naturnahe Erholung geeignet sind. Denn für Erholung und Landwirtschaft ist der natürliche Boden die wichtigste Grundlage.

Großflächeninitiativen des Landes ermöglichten der LEG und Landkreisen bzw. Kommunen, mit Hilfe von Fördermitteln, einen verstärkten Flächenverbrauch bzw. die Versiegelung sowie die Vermarktung von riesigen neuen Industrieflächen. Oft dort, wo vorher wertvollste Feldfrüchte auf besten Böden gewachsen sind. Durch die Beseitigung landesweiter Ackerflächen, steigt auch die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten, mit all den bekannten Risiken (Qualität/Verfügbarkeit/Preis).

Durch den Flächenverbrauch geht im wahrsten Sinne des Wortes landschaftlicher Freiraum verloren. Ackerflächen verschwinden, Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie Erholungsbereiche werden beseitigt. Zusammenhängende Freiräume mit Wanderungskorridoren werden getrennt und damit langfristig die Vielfalt beeinträchtigt. Umfangreiche Flächenversiegelungen des Bodens sind in Ansiedlungs- und Verkehrsbereichen die Regel.

Die Versiegelungen durch Bauwerke oder Verkehrsflächen sorgen im Sommer für eine stärkere Lufterwärmung, dadurch wird das Klima negativ beeinflusst. Über Grün- und Ackerflächen kühlt sich dagegen die Luft im Sommer ab.
Kaltluftentstehungsgebiete sind für das Stadtklima sehr wichtig, der Verlust hat entscheidenden Einfluss auf die Wohnqualität. Durch Bauwerke verringert sich gleichfalls der natürliche Luftaustausch und vorhandene Frischluftschneisen gehen verloren. Damit werden weitere negative klimatische Einflüsse wirksam, insbesondere steigen die Luft-Schadstoffbelastungen innerhalb der Orte.

Fruchtbare Böden sind eine Art natürliches Tafelsilber, das für kommende Generationen erhalten werden muss. Die Natur- und Kulturgeschichte ist im Boden archiviert. Mit der einseitigen rein wirtschaftsorientierten Nutzung des Bodens, werden nicht nur Flora und Fauna zerstört, sondern sämtliche ökologische Funktionen des Bodens, wie Speicher- und Filterfunktionen, gehen verloren. Die Bodenversiegelungen durch Bauwerke, Verkehrsflächen, Trassen, Leitungen usw. sind auch für den Wasserhaushalt sehr negativ. Oberflächenwasser läuft schneller ab, da Versickerungen nicht mehr möglich sind, das führt zu Hochwassergefahren. Im Gegenzug fehlt dem Grundwasser diese schnell abfließende Menge und der Grundwasserspiegel sinkt, Quellen und Bäche trocknen dadurch aus. Unterirdische Trassen, Fundamente und Leitungen unterbrechen die natürlichen Wasseradern im Erdreich und beeinflussen das Strömungsverhalten sehr negativ. Durch die Versiegelungen stirbt gleichfalls jedes Leben im verbleibenden Boden, denn die lebenswichtige Verbindung zur Oberfläche ist versperrt.

Früher war der Flächenverbrauch vor allem die Folge der Bevölkerungszunahme, heute stehen Profitinteressen im Vordergrund. Angebots- und Nachfrageaspekte haben entscheidenden Einfluss auf den Bodenverbrauch. Ebenso sind politische Vorgaben, auf Grundlage verstärkter Lobbyarbeit, eine entscheidende Ursache für die effektiven Verbrauchsmöglichkeiten. Auch förderpolitische Anreize, vor dem Hintergrund der derzeitigen Gemeindefinanzierung, beeinflussen den Flächenverbrauch.


Aktion des Ortsvereins Urbich (2013)

Für die Bewahrung der Natur- und Ackerflächen hat der Ortsverein Urbich e. V. mehr als 30.000 Postkarten ("Stopp dem Flächenverbrauch") in Erfurt verteilt. Mit der Postkarte war eine Abstimmung bzw. Stellungnahme zum weiteren Konsum der natürlichen Flächen möglich. Man brauchte nur noch seinen Namen sowie die Unterschrift ergänzen und konnte die Karte absenden bzw. im Rathaus (Briefkasten) abgeben.

Aktion 06/2013 - Vorderseite/Rückseite der Postkarte (Bitte per Mausklick vergrößern!)


Denn im Jahr 2013 bekam man auch in Erfurt die Bodenoffensive der Landesregierung direkt zu spüren. Mit dem Bebauungsplan URB638 wurde ein Hochtechnologiepark geplant, der besten Ackerboden "verbrauchen" soll und die Frischluftzufuhr ins Stadtgebiet verringert. Bürgerschaftliches Engagement zum Schutz der Natur, Widersprüche oder Petitionen auf Grundlage des Artikels 31 der Thüringer Verfassung (Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen) lassen Verwaltung und verantwortliche Politiker vermutlich kalt. Profiterwartungen, zusätzliche Steuereinnahmen und neue Beitragszahler für die IHK sind scheinbar wichtiger als die Sorgen der Menschen vor Ort. Viele Einwohner lehnen jede weitere Reduzierung der Grün- und Ackerflächen ab. Gerade auch vor dem Hintergrund einer schwindenden Bevölkerung, ist eine Vergrößerung der Industrie- und Gewerbeflächen sehr kurzsichtig. Bereits jetzt leidet die Wirtschaft unter Arbeitskräftemangel. Außerdem beansprucht die bestehende Industrie schon heute unsere klimatischen Verhältnisse so stark, dass die Folgen kaum absehbar sind.

Die Bürger vor Ort fordern eine nachhaltige Bodenstrategie, bei der Flächen für Infrastrukturmaßnahmen nur in dem Maße "verbraucht" werden dürfen, wie Rekultivierungen von Brachflächen erfolgen. Aufforderungen von Politikern, mit der knappen Ressource Boden sorgsam umzugehen, werden als Verhöhnung verstanden, genau wie die Wortmeldungen von staatlichen Aktionsbündnissen zum Flächensparen. Wenn gleichzeitig die Flächenvernichtung vom Land gefördert und beauftragt wird, sind solche Bekenntnisse bestenfalls noch als Schauspielerei zu werten.

Ein nachhaltiger Umgang mit unseren Böden ist erst dann möglich, wenn die Verantwortlichen bemerken, dass kurzsichtige Profitgeschäfte oder schnelle Einnahmequellen keine echten Lebensgrundlagen sind und der Wert des Bodens in seiner Natürlichkeit liegt. Auch das Landschaftsbild und die kulturhistorische Bedeutung unserer Grün- und Ackerflächen gilt es zu bewahren.

Verweise zum Flächenverbrauch


© AG Umweltstand - Check in Erfurt, TH 31.10.2016